Ensemblegeschichte
extended voice
Die Maulwerker gründeten sich Ende 1977 in Berlin. Ein Jahr zuvor war Dieter Schnebel als Professor an die damalige Hochschule der Künste (heute UdK) berufen worden. Im Maler, Bühnenbildner und Regisseur Achim Freyer, dem Professor für Bühnenbild, fand er einen künstlerischen Verbündeten. Gemeinsam wagten sie den Anspruch an Interdisziplinarität an der damals neu gegründeten HdK: Schnebel erarbeitete mit den Studierenden seiner Klassen für experimentelle Musik und experimentelles Musiktheater eine neue Version der erst drei Jahre vorher in Donaueschingen als sinfonische Fassung gezeigten Maulwerke, Achim Freyer inszenierte nun diese erste szenische Fassung des Stücks. Die Ausführenden gaben sich den Namen „Die Maulwerker“. In den Folgejahren gab es umjubelte Aufführungen in ganz Europa. Die szenische Version bekam 1979 den Karl-Hofer-Preis.
1980 kam es zur zweiten Produktion des Teams Schnebel/Freyer: KÖRPER-SPRACHE, Schnebels „Organkomposition“ – eine stumme Musik nur für Körperbewegungen (Uraufführung in Metz). Die Ausführenden waren Studierende und Dozent_innen der HdK, u.a. Katarina Rasinski.

In Schnebels Klassen waren auch immer „auswärtige“ Komponist_innen, Vokalist_innen, Performer_innen, Schauspieler_innen der freien Westberliner Szene. Michael Hirsch zum Beispiel war nie regulärer Student der HdK. Schnebel und Hirsch kannten sich schon aus München, als Michael als 16jähriger in Schnebels AG Neue Musik mitwirkte.

Um 1985 kam es zu einer neuen Phase – Schnebel entwickelte eine konzertante Trio-Version der Maulwerke mit Imke Buchholz, Michael Hirsch und Jürgen Marquardt, die außerdem eine Trioversion der Körper-Sprache spielten. Für die Uraufführung von Schnebels Zyklus Laut-Gesten-Laute stieß Beatrice Mathez-Wüthrich dazu. Es folgten Einladungen nach Hamburg, Zagreb, Belgrad, Thessaloniki, Athen, Madrid.
Zwischen 1988 und 1993 formierten sich die Maulwerker in einer festen Besetzung mit neun Ensemblemitgliedern. Eine Kerngruppe mit Anna Clementi, Christian Kesten, Gisburg Smialek und Michael Hirsch tourte in dieser Zeit mit Schnebels Trioversion der Maulwerke und Zeichen-Sprache um die Welt und feierte internationale Erfolge (Festival „East-West Horizons II, in Tokyo 1988, Hebbel Theater Berlin 1989, Room Dances Festival Jerusalem/Tel Aviv 1992).
Das große Ensemble mit Katarina Rasinski, Ariane Jessulat, Tilmann Walzer, Henrik Kairies, Barbara Thun und Steffi Weismann war bei Schnebels Entwicklung der Zyklen Museumsstücke I (1993) und Schau-Stücke (1995/98) beteiligt.


szenische Maulwerke-Fassung 1995 von Jürgen Westhoff

Gleichzeitig begannen die Maulwerker um 1995 mit einer eigenständigen Arbeitsweise und lösten sich allmählich von der Hochschule der Künste und auch von der Leitung Schnebels. Nach der szenischen Maulwerke-Version 1995 (für 9 Stimmen, Bühne und Kostüme: Jürgen Westhoff) folgten abendfüllende Kompositionen und Musiktheaterprojekte wie parochial von Christian Kesten (1998), dklm 5+1 (2000) von Barbara Thun, sowie die Entwicklung einer szenischen Version von Schnebels Glossolalie, die als Ensemblekomposition unter der Regie von Anna Clementi in der Akademie der Künste Berlin im Jahr 2000 realisiert wurde.
Aus der Begegnung mit dem Fluxuskünstler Emmett Williams bei einem gemeinsamen Fluxuskonzert im Museum Hamburger Bahnhof 1999 entwickelte sich eine Freundschaft und Zusammenarbeit. Die Interpretation von Fluxus-Partituren wurde zu einem zentralen Arbeitsfeld der Maulwerker. Es folgten Fluxuskonzerte in namhaften Museen wie dem Fridericianum Kassel, Reina Sophia Madrid und Mumok Wien.

Auf Initiative des Musiktheaterdramaturgen Roland Quitt realisierten die Maulwerker 2001 eine vollständige Version der Song Books von John Cage am Theater Bielefeld. Von 1996-2001 war Susanne Elgeti für die Organisation und das Tour-Managment der Maulwerker verantwortlich.


glossolalie 2000, Akademie der Künste berlin (v.l. Kesten, Walzer, Kairies, Jessulat, Thun, Rasinski, Weismann)

Von 2002-2006 folgten Jahre der Neuorientierung, die zu einer Festigung der Gruppe in der aktuellen Besetzung führte. Die einzelnen Ensemblemitglieder begannen sich einerseits stärker auf ihre kompositorische Arbeit zu konzentrieren und andererseits den Austausch mit Komponist_innen der eigenen Generation zu pflegen (Andrea Neumann, Alessandro Bosetti, Makiko Nishikaze u.a.).

Christian Kesten übernahm eine leitende Funktion und konzipierte ab 2005 die thematische Konzertreihe maulwerker performing music, die von Steffi Weismann im Bezug auf die räumliche, visuelle und technische Realisierung mitgestaltet wurde.
Die freundschaftliche Verbundenheit mit Dieter Schnebel blieb über die Jahre bestehen und wurde gelegentlich durch die Zusammenarbeit an neuen Schnebel-Kompositionen intensiviert. Manche seiner kammermusikalischen und solistischen Stücke für Stimme und Körper sind einigen Ensemblemitgliedern auf den Leib geschrieben: Die Kafka Dramolette (2008, Christian Kesten und Katarina Rasinski), Stumme Schreie (2008, Katarina Rasinski) und Liebe-Leid (2013-2015, Ariane Jessulat).

Durch die Aufführung von Schnebels Glossolalie 61 bei ultraschall 2010 im Radialsystem Berlin und die Neufassung der Maulwerke (2010), die in einer filmischen Version auf DVD veröffentlicht wurde, hat das Ensemble Maßstäbe auf hohem Niveau gesetzt.

Die Arbeit der Maulwerker wird 2016/2017 von der Basisförderung des Berliner Senats unterstützt. Internationale Auftritte werden 2016 durch das Goethe Institut ermöglicht.

Die Organisation und Produktionsleitungen wurde maßgeblich von Sabine Spillecke (2003-2006), Julia Gerlach (2007-2010) und Vilém Wagner (seit 2010) getragen.